Von einem Gott, dem wir genügen – Teil 2: Petrus

Später zeigte sich Jesus den Jüngern noch einmal am See von Tiberias. Das geschah folgendermaßen: Simon Petrus, Thomas, der auch »Zwilling« genannt wurde, Nathanael aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere Jünger waren dort zusammen. (Joh 21,1- 2, NLB)

Vom Berg der Seligpreisung aus sieht man das antike Kapernaum und das antike Bethsaida – Petrus´ Wahlheimat und Herkunftsort.

Zuerst steht Simon Petrus. Petrus ist eine der wichtigsten Personen des Neuen Testaments und so steht er meist ziemlich weit vorne: Er gehört zu den ersten Jüngern und er scheint so etwas wie der Anführer der Jüngerschar zu sein, denn er ist es, der sich immer irgendwie zu Wort meldet und etwas zu sagen hat. Aber Petrus hat sich nicht von Anfang an so in die Sache mit Jesus gestürzt. Johannes berichtet uns von der ersten Begegnung zwischen Petrus (damals noch Simon) und Jesus: Jesus ist gerade erst auf der Bildfläche erschienen und Johannes der Täufer hat ihn als den Sohn Gottes bezeichnet, sodass umstehende Menschen auf ihn aufmerksam wurden. Zwei Männer, die eigentlich Jünger von Johannes dem Täufer waren, folgten Jesus und verbrachten einige Zeit mit ihm. Einer von diesen Männern ist Andreas, der Bruder von Simon, und so lesen wir: Sofort suchte er seinen Bruder Simon auf und erzählte ihm: »Wir haben den Messias gefunden« (das bedeutet: den Christus). Dann nahm Andreas Simon mit zu Jesus. Jesus sah ihn aufmerksam an und sagte: »Du bist Simon, der Sohn des Johannes – doch du wirst Kephas genannt werden« (das bedeutet: Petrus). (Joh 1,41-42, NLB) Wir wissen nicht, wie genau Petrus auf Jesus in diesem Moment reagiert, aber sein Jünger wird er noch nicht. Erst einige Zeit später, als Jesus schon dabei ist, das Evangelium zu verkünden, sucht er Petrus bei der Arbeit auf, und erst hier erkennt Petrus wirklich, dass sein Bruder recht hat: Dieser Mann namens Jesus ist etwas Besonderes.

In der Kirche Duc in Altum erinnert der Altar an das Boot, in dem Petrus Jesus begegnete – und sein Leben für immer verändert wurde.

Es geschah aber, als die Volksmenge auf ihn andrängte, um das Wort Gottes zu hören, dass er an dem See Genezareth stand. Und er sah zwei Boote am See liegen; die Fischer aber waren aus ihnen ausgestiegen und wuschen die Netze. Er aber stieg in eins der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land hinauszufahren; und er setzte sich und lehrte die Volksmengen vom Boot aus. Als er aber aufhörte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus auf die Tiefe, und lasst eure Netze zu einem Fang hinab! Und Simon antwortete und sprach zu ihm: Meister, wir haben uns die ganze Nacht hindurch bemüht und nichts gefangen, aber auf dein Wort will ich die Netze hinablassen. Und als sie dies getan hatten, umschlossen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze rissen. Und sie winkten ihren Gefährten in dem anderen Boot, zu kommen und ihnen zu helfen; und sie kamen, und sie füllten beide Boote, sodass sie zu sinken drohten. Als aber Simon Petrus es sah, fiel er zu den Knien Jesu nieder und sprach: Geh von mir hinaus! Denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr. Denn Entsetzen hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über den Fischfang, den sie getan hatten; ebenso aber auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, die Gefährten von Simon waren. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und als sie die Boote ans Land gebracht hatten, verließen sie alles und folgten ihm nach. (Lk 5,1- 11, ELB)

Die Story des Mannes. Der Evangelist Lukas berichtet uns hier, dass Simon und Andreas zusammen ein Fischereiunternehmen haben und dass Jakobus und Johannes Zebedäus Teilhaber an ihrem Unternehmen sind (das griechische Wort, das oben mit Gefährten übersetzt wird, meint hier eine berufliche Zusammenarbeit). Der Evangelist Markus gibt uns sogar zu verstehen, dass ihr Unternehmen recht groß gewesen sein muss, weil Jakobus und Johannes nicht nur ihren Vater, sondern auch eine Reihe Lohnarbeiter zurücklassen (Mk1,20). Petrus ist also eine schillernde Persönlichkeit: Er ist sehr gläubig (er folgt Andreas sofort zu Jesus), er ist ein erfolgreicher Unternehmer (weshalb er sehr gebildet ist und vermutlich nicht nur Hebräisch, sondern auch die Handelssprachen Aramäisch und Griechisch spricht und schreibt) und er ist leidenschaftlich: Nachdem er dieses Wunder mit Jesus auf dem See erlebt, lässt er alles stehen und liegen und folgt ihm. Wir wissen nicht wann, aber zu irgendeinem Zeitpunkt gibt er sein Unternehmen ab, denn nach Jesu Auferstehung reist er durch das ganze Land und nach einigen Jahren sogar bis nach Rom, um das Evangelium zu verkünden, wie wir in der Apostelgeschichte etwa nachlesen können (so etwa Apg 8,14ff. und Apg 10). Als Jesus seine 12 Apostel auswählt, hat er Petrus als ersten gerufen (Mt 10,2; Mk 3,15; Lk 6,14) – von Anfang an hat Jesus etwas Besonderes in diesem Simon gesehen: Bei ihrer ersten Begegnung nennt er ihn schon Petrus (Fels) und ihn beruft er zuerst. Aber das bedeutet nicht, dass Petrus dem immer gerecht wird.

In dem großen Hof in Kapernaum steht eine Statue, die an Petrus erinnert und den Ruf, den Jesus über seinem Leben ausgesprochen hat: Von nun an sollst du Petrus heißen. Auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und alle Mächte der Hölle können ihr nichts anhaben.(Mt 16,18, NLB)

Die Menschlichkeit des Felsen. Wir alle kennen die Berichte über das Scheitern von Petrus, über seine Stärken und Schwächen. Da gibt es diese eine Story, in der die Jünger mitten im Sturm auf dem See Genezareth sind und Jesus auf dem Wasser auf sie zuläuft. Die anderen Jünger vergehen fast vor Angst, aber als Jesus ihnen zuruft, dass er es ist, ruft Petrus zurück: „Herr, wenn Du es bist, so befiehl mir auf dem Wasser zu Dir zu kommen!“ (Mt 14,28, ELB) Wie stark! Und für einen Moment läuft Petrus auf dem Wasser auf Jesus zu – bis er auf die Wellen schaut und sinkt und Jesus ihn rettet.

Dann gibt es da noch diese andere Begebenheit, die Petrus genauso nahbar macht: Als die Jünger mit Jesus bei Cäsarea Philippi sind, fragt er sie, wofür die Menschen und auch sie ihn halten. Petrus bekennt vor allen: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16,16, ELB) Weil Petrus das erkannt hat, bestätigt Jesus das, was er von Anfang an in Petrus gesehen hat: „Du bist Petrus und auf diesem Felsen werde ich meine Gemeinde bauen!“ (Mt 16,18, ELB) Doch direkt im Anschluss, als Jesus den Jüngern ankündigt, dass er verhaftet und hingerichtet werden muss, versucht Petrus, ihn davon abzuhalten – und Jesus weist ihn hart zurecht und bezeichnet ihn sogar als Satan (Mt 16,21-23). Es ist Petrus, der mit den beiden Zebedäen auf dem Berg dabei sein darf, als Jesus verklärt wird und seine göttliche Natur ansatzweise sichtbar wird; er sieht, wie Mose und Eliah erscheinen und mit Jesus sprechen (Mt 17,1ff./Mk 9,2ff./Lk 9,28ff.). Aber er ist es auch, der Jesus drei Mal verleugnet (Mt 26,69ff.) – obwohl er ihm seine Treue geschworen hat (Lk 22,31f.; Mt 26,33), obwohl er Malchus das Ohr abgeschlagen hat, um Jesu Gefangennahme zu verhindern (wobei Jesus ihn wieder zurechtwies und Malchus heilte; Mt 26,51ff.; Joh 18,10-11), obwohl er ihm bis zum Vorhof der Festung folgte, wo Jesus als Gefangener hingebracht wurde (Lk 22,54).

Treue trotz Schwäche. Und dennoch ist Petrus einer der ersten, die am Grab sind (Joh 20,1ff.; Lk 24,12). Dennoch ist Petrus einer der Ersten, denen der Auferstandene begegnet (Lk 24,34). Dennoch ist Petrus derjenige, dem explizit gesagt wird, dass er nach Galiläa gehen soll, wo Jesus ihm begegnen will (Mt 28,10; Mk 16,7) – wo er nun ist und darauf wartet, dass Jesus wiederkommt (Joh 21,1f.). Aber wie Johannes uns berichtet, ist er nicht allein. Als einer seiner Begleiter wird Thomas genannt. Über Thomas haben wir bei unserer letzten Bibelarbeit nachgedacht, deshalb werden wir uns gleich noch intensiver mit den anderen Charakteren beschäftigen. Aber dennoch ist es bedeutsam, dass Johannes Thomas hier direkt nach Petrus nennt: Der Verleugner und der Zweifler – beide haben in ihrer Beziehung zu Jesus etwas getan, etwas nur allzu menschliches, wofür sie aber in der Geschichte der Christenheit als Negativbeispiele missbraucht und immer wieder verurteilt wurden (auch wenn sich das die meisten bei Thomas eher trauen als bei Petrus). Dennoch sind sie es, die besondere Begegnungen mit dem Auferstandenen teilen.

„Weide meine Lämmer!“ – die Aufforderung Jesu an Petrus begründet den Namen der Primatskapelle am See Genezareth.

Berufung in aller Menschlichkeit. Der große Moment für Petrus kommt jedoch noch. Denn Jesus hat noch eine Sache mit ihm zu klären. Eine Sache, die viele Christen missverstehen: Denn als Jesus seinen Jüngern nach seiner Auferstehung am See Genezareth begegnet, lädt er sie nicht nur zum Essen ein – sondern danach geht er mit ihnen spazieren. Und für einige Minuten geht er allein mit Petrus. Und fragt seinen besten Freund, seinen impulsiven Jünger: „Liebst Du mich?“ Drei Mal.

Viele denken, dass sie hier eine Enttäuschung Jesu lesen können. Warum muss man seinen Freund drei Mal fragen, ob er ihn liebt? Natürlich wegen der drei Verleugnungen, die Petrus in der Nacht vor der Kreuzigung ausgesprochen hat. Doch was genau hat es damit auf sich? Um das herauszufinden, begleite mich doch nach Israel – denn ich war an dem Ort, wo sich genau dieses Gespräch abspielte. Hier findest Du meinen Bericht.

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