Wie Armageddon (Harmagedon) Juden und Christen verbindet

„Hier ist es also!“ Spannung steigt in mir auf, als ich die Yesreel-Ebene hinter mir lasse, an der nächsten Kreuzung rechts abbiege und dann schon auf das Grundstück des Nationalparks fahre, der mein Ziel des heutigen Tages ist. Endlich hat sich der Regen gelegt, die Sonne schaut heraus, aber der kräftige Wind und die dicken Wolken am Himmel scheinen die Ambivalenz der Ausgrabungsstätte widerzuspiegeln, die nun vor mir liegt. Tel Megiddo ist mittlerweile weltberühmt, nicht nur bei besonders bibelfesten Juden und Christen. Viele Menschen fesselt die Geschichte, die sich rund um diesen Ort webt. Und so kann ich es gar nicht abwarten, diesen Berg endlich zu erkunden.

Kurze Zeit später sitze ich mit meinem obligatorischen Kaffee in der Hand (Gott sei Dank lieben die Israelis Kaffee genauso wie ich) in dem kleinen Raum im Touristencenter von Megiddo und schaue den kurzen Film, der mir die Geschichte und Bedeutung dieses Ortes erklärt. Mittlerweile hab ich schon einige Filme dieser Art gesehen, aber dieser ist mit Abstand der qualitativ beste, auch, weil Israel Finkelstein, einer der berühmtesten Archäologen unserer Zeit,  selbst interviewt wird und die Geschichte hinter dem Tel erklärt. Seine Ansichten sehe ich als Theologin durchaus kritisch, aber nichts desto trotz ist er ein wichtiger Forscher und so lausche ich gespannt, wie er und die Moderatorin mir die Geschichte dieses Ortes erklären, an dem nicht nur die Ägypter und Kanaanäer, sondern auch die Israeliten, die Assyrer und andere Völker gebaut haben. Dieser Ort lag an der alten Via Maris und war aufgrund seiner Lage eine Schlüsselstelle, wenn man als Herrscher Einfluss in dieser Gegend haben und nehmen wollte. Insgesamt, so Finkelstein, wurden hier 30 Schichten gefunden, die immer wieder von der nächsten Generation oder dem nächsten Herrscher auf die zerstörte vorangegangene Stadt gebaut wurden. So ergibt sich die beeindruckende Höhe dieses Tel. Nun kann ich es gar nicht mehr abwarten, bewaffne mich wieder mit Kamera und Stift und ziehe los, um die Schichten und damit die Geschichte von Megiddo zu erkunden.

Diese Treppe führt vom Stadttor zum tiefliegenden Wasserreservoir der Israelitischen Zeit.

Wie viele Parks in Israel ist auch dieser, so gut es geht, für Menschen ausgebaut, die nicht so gut zu Fuß sind: Links führt ein Weg für Rollstuhlfahrer und solche, die in kleinen Autos von Mitarbeitern der Anlage hoch auf den Tel gefahren werden können; rechts führt der Weg für die Fußgänger vorbei an einem antiken Wassersystem aus der Zeit der israelitischen Könige. Und dann entfaltet sich die gesamte Geschichte dieses spannenden Ortes vor mir.

Wenn man genau hinschaut, sieht man die dünnen eingefügten Holzbalken: Diese zeigen an, bis zu welcher Höhe das kanaanäische Tor erhalten war. Alles darüber wurde von den Archäologen rekonstruiert.

Vom Wassersystem aus führt mich der Anstieg zuerst durch das erstaunlich gut erhaltene Stadttor aus der Zeit der Kanaanäer, das direkt in die Fundamente der damaligen Palastanlage führt. Der Palast fiel jedoch einem Brand zum Opfer. Vielleicht fragst Du Dich gerade, warum hier überhaupt eine so gut erhaltene Konstruktion aus der Kanaanäerzeit zu finden ist? Das Schicksal Megiddos ist eigentlich eng mit dem von Bet She´an verbunden: Auch dieses Land sollte Manasse gehören – aber die Männer des Stammes fürchteten sich und ließen deshalb die Kanaanäer in dieser Gegend wohnen (Ri 1,27).

Das israelitische Tor ist wesentlich massiver und robuster als das kanaanäische.

Als ich durch das massive Tor gehe (damals waren die Tore nicht simple Eisentore, wie wir sie heute kennen, sondern mehrere Meter dicke Anlagen mit Wegen und Kammern), staune ich über die Schichten, die vorsichtig freigelegt und rekonstruiert wurden. Eine Treppe führt mich nun hinauf zur nächsten Lage des Tels und vor mir liegt das israelitische Tor. Es ist wesentlich fortschrittlicher gebaut, aus massivem Sandstein, eine feste Anlage, die eindeutig zur militärischen Verteidigung ausgebaut wurde. Die Funde decken sich mit einer Notiz, die uns im ersten Königebuch überliefert ist: Und dies ist die Sache mit den Zwangsarbeitern, die der König Salomo aushob, um das Haus des HERRN zu bauen sowie sein eigenes Haus und den Millo und die Mauer von Jerusalem und Hazor und Megiddo und Geser… (1Kön 9,15, ELB). Zur Zeit von Salomo war die Stadt also im Königreich Israel eingegliedert und wurde nun befestigt und verstärkt.

Dies ist der Lieblingsort der Archäologen, so Finkelstein: In dieser treppenartigen Anlage sind alle 30 Schichten der Geschichte des Tels zu sehen, die über die vielen Jahrtausende aufeinandergebaut wurden. Wenn man genau hinschaut, sieht man, wie fein sie sich voneinander abheben.

Die nächste Treppe führt mich hinaus auf das Plateau. Hier erstrecken sich zahlreiche Ausgrabungsstätten aus verschiedenen Epochen vor mir, manche liegen ganz oben, für andere musste tiefe Mulden ausgehoben werden. Sie alle liegen vor mir: Ställe im Norden und Süden aus israelitischer und assyrischer Zeit, Strukturen von kanaanäischen und israelitischen Palästen, administrative Gebäude, heidnische Tempel mit zahlreichen Tierknochen sowie ein antikes Grab und Wassersysteme.

Doch was mich am meisten anzieht, ist der Ausblick, der sich mir vom nördlichen und auch dem südlichen Aussichtspunkt bietet. Ich lehne mich an das Geländer und lassen meinen Blick über die Yesreel-Ebene schweifen.

Links sieht man den Berg Tabor liegen, etwas weiter rechts die Berge von Gilboa.

An dieser Stelle erfuhr die Geschichte Israels mehrfach eine dramatische Wendung. Im 9. Jhdt. v.Chr. berief Gott selbst Jehu, einen hohen Beamten des Nordreiches Israel, gegen den König des Südreiches Juda und seinen Sohn zu ziehen. Joram und sein Sohn Ahasja waren sündige Könige, die nicht in den Geboten Gottes lebten. Aufgrund einer Verwundung Jorams im Krieg waren die beiden gerade in Megiddo, als Jehu aus dem Norden durch die Ebene nach Megiddo kam und die beiden im Tal vor der Stadt ermordete (2Kön 9,14ff.). Damit kam ein Bruch in die davidische Linie im Herrschaftshauses des Königreichs Juda. Danach zog Jehu weiter in das Nordreich und ermordete nicht nur Isebel, die götzenanbetende Königin Samarias, sondern auch das gesamte Haus des israelitischen Königs Ahab (2Kön 9,30; 10,1ff.). Danach sorgte er dafür, dass alle Baalspriester im Land ebenfalls ermordet und die Altäre niedergerissen wurden, blieb jedoch an zwei heidnischen Kultstätten hängen und konnte so das Nordreich nicht in ein treues Halten des Bundes zurückführen (2Kön 10,18ff.). Diese Geschehnisse und Entwicklungen, die eng mit dem Tal von Yesreel und Megiddo verknüpft sind, zeigen, wie folgenreich der Abfall vom Bund durch die Könige des Nord- und Südreiches war und wie tragisch die menschliche Schwäche ist, die bei jedem Einzelnen der Personen, die eigentlich eine so große Verantwortung trugen, zu erkennen ist.

Doch ist es ein anderes Geschehen, dass das Schicksal dieses Ortes bestimmen sollte: In diesem Tal, das direkt vor mir liegt, fand König Josiah seinen traurigen Tod. Vielversprechend, wenn auch nicht dramatisch war der Beginn seiner Regierung gewesen, als er mit nur 8 Jahren den Thron Judas bestieg (2Kön 22,1-2). Unter seiner Regierung wurde das Buch Deuteronomium wiedergefunden, er war es, der Juda in seiner Zeit (ca. 641-609 v.Chr.) zurück in den Bund führte (2Kön 22,3-23,24). Und so urteilt das Königebuch über ihn: Vor Josia gab es keinen König wie ihn, der zu dem HERRN umgekehrt wäre mit seinem ganzen Herzen und mit seiner ganzen Seele und mit seiner ganzen Kraft nach dem ganzen Gesetz des Mose. Und auch nach ihm ist seinesgleichen nicht aufgestanden. (2Kön 23,25) Aber es war schon zu spät, wie uns direkt danach geschildert wird: Wegen des starken Bundesbruchs durch die Könige davor (und auch nach Josiah) und des Volkes konnte das Gericht nicht mehr abgewendet werden (2Kön 23,26ff.). Und Josiah? Der ägyptische Herrscher Necho zog durch das Land zum König von Assur – und Josiah zog ihm in einer kriegerischen Auseinandersetzung entgegen – obwohl Necho ihn warnt und sagt, dass er gar nicht gegen Josiah kämpfen will und dass Gott ihn in den Krieg gegen Assur geschickt hat (2Chr 35,1-22) – und wurde in der Yesreel-Ebene vor Megiddo ermordet durch den Ägypter (2Kön 23,29ff.).

Dieses Modell im kleinen Museum von Megiddo im Besucherzentrum zeigt den gesamten Tel und seine Strukturen.

Vor dem alten biblischen Hintergrund ist es besonders tragisch, dass der vielversprechende König Judas vom ägyptischen Herrscher, der unweigerlich für die Vorgeschichte der Sklaverei stehen muss, getötet wird. Anstatt nicht zurückzublicken, zieht der in den Kampf gegen das, was eigentlich Geschichte sein sollte. Anstatt in dem weiterzugehen, wozu Gott ihn berufen und was er schon verändert hat, wendet er den Blick in eine Richtung, die nicht die seine sein sollte. Mit ihm starb die Hoffnung Judas – und auch die neu aufgebrochene Bundestreue des Volkes. Das ganze Volk sang angeführt vom Propheten Jeremiah Klagelieder über diese dramatische Wendung (2Chr 35,23ff.) – und bald kam das Exil.

Hier sind bis heute die ersten Ausgrabungen zu sehen, die je auf Megiddo gemacht wurden: Der Archäologe Schumacher startete die Ausgrabungen für den Deutschen Palästina-Verein von 1903-1905.

Aber was wäre unser Glaube ohne das Wissen, dass Gott alles zum Guten wendet – selbst die von Menschen gemachten Irrungen und Verflechtungen von Orten und Geschehnissen? Dass Gott aus jedem abgebrochenen Stumpft Segen hervorkommen lässt? Und so war dieser traurige Moment nicht die letzte Rolle Megiddos in der Weltgeschichte. Schon der Prophet Sacharja sieht in einer eindrucksvollen Vision über das Ende der Tage die große Schlacht der Endzeit, die um Jerusalem herum im ganzen Land stattfinden wird (Sach 12,1ff.). Schrecklich ist die Beschreibung der Geschehnisse, bis Gott von seinem Schutz über seinem Volk spricht (ab V.4) – und von der großen Wende der Geschichte: Aber über das Haus David und über die Bewohnerschaft von Jerusalem gieße ich den Geist der Gnade und des Flehens aus, und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben, und werden über ihn wehklagen, wie man über den einzigen Sohn wehklagt, und werden bitter über ihn weinen, wie man bitter über den Erstgeborenen weint. An jenem Tag wird die Wehklage in Jerusalem groß sein wie die Wehklage von Hadad-Rimmon in der Ebene von Megiddo. (Sach 12,10f.) Sacharja greift auf die Trauer über Josiahs Tod an genau diesem Ort zurück – und sagt gleichzeitig, dass jener nicht der wahre Retter war, sondern dass dieser in jener Zeit kommen wird und Erkenntnis das ganze Volk überkommen wird.

Sogar der antike Wassertunnel kann besichtigt werden.

Ein letztes Mal taucht der Name Megiddos in den biblischen Schriften auf: Der Apostel und Evangelist Johannes berichtet in seiner Offenbarung davon, dass der große Drache als Feind Gottes und der Menschen seine Heere zum Kampf gegen Gott selbst versammelt – und zwar εἰς τὸν τόπον τὸν καλούμενον Ἑβραϊστὶ Ἁρμαγεδών – dem Ort, der auf Hebräisch Harmagedon genannt wird (Off 16,16). Harmagedon bedeutet nichts anderes als Berg (Har) Megiddos. Damit schließt sich diese Vision einer Endschlacht bei Megiddo an die Verheißung Sacharjas an (und auch Hesekiels im Übrigen, der zwar den Namen Megiddo nicht erwähnt, dafür aber sehr ausführlich in den Kapiteln 38-39 seines Buches von dem Kampf am Ende der Tage berichtet). Genau an diesem Ort, an dem alle Hoffnung eines zerbröckelnden Gottesvolkes also einst zu sterben schien, wird die Hoffnung in der Person des Messias den Sieg davon tragen.

Das Besucherzentrum ist eins der schönsten, die ich bisher gesehen habe.

Aber warum erzähle ich Dir all das? Zum einen, weil ich es unfassbar wichtig finde, den Blick aus unserem Hier und Jetzt ab und zu mal in die Zukunft zu richten, die die Bibel uns verheißt, mit all ihren Schrecknissen und ihrem letztendlichen Heil. Zum anderen aber auch, weil Orte wie Tel Megiddo uns zeigen, wie eng unser Glaube im jüdischen wurzelt. Ohne das Alte Testament können wir das Neue nicht verstehen, ja, können wir Jesus nicht verstehen! Gott ist ein treuer Gott der Kontinuität: Er beendet nicht das eine und beginnt etwas Neues ganz unabhängig vom Vorangegangenen. Nein, Er ist und bleibt Seinem erwählten Volk und dem Land des Bundes treu – und als Eingepfropfte in den Ölbaum dürfen wir erleben, wie Er die Geschichte zum Guten wendet. Und dass der jüdische Messias als Retter der Welt wiederkommt. Und dass er anscheinend genau hier etwas Großes tun wird: in Megiddo und der Yesreel-Ebene.

 

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